 
Das erste Interview meines Lebens führte ich 1980.
Damals war ich im zarten Alter von 15 Jahren und meine
Oma, Johanna Simon (1905 - 1990), war gerade von ihrem
ersten und letzten Besuch in New York zurückgekehrt,
wo sie ihre Söhne teilweise nach mehr als 30 Jahren
wieder in ihre mütterlichen Arme schließen
durfte. Als Vertriebene deutschstämmige
Ungarin lebte sie in Leipzig und kannte somit
auch die Unzulänglichkeiten des DDR-Sozialismus.
Und
plötzlich das. Ihre drei Söhne: Hans, Josef
und Franz hatten die Mutter eingeladen, um ihr Gottes
eigenes Land zu zeigen. Im selben Jahr musste
ich mit einem sozialistischen Klassenkollektiv der Erweiterten
Oberschule in Greifswald / Vorpommern nach Moskau reisen,
wo uns vor einem überdimensionalen Modell des zerstörten
Reichstages von einem steinalten russischen General
und Veteranen der Schlacht um Berlin als Überraschung,
wie es hieß, die Mitgliedsausweise zum Verein
der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft (DSF)
ausgehändigt wurden. Allerdings hatten die Schulfunktionäre
auf die vorgesehenen Passbilder verzichtet.
Zwei
Städte, zwei Staaten, zwei Welten, wie sie unterschiedlicher
nicht hätten sein können in jenen Jahren.
Meine Freunde, meine Familie und ich kannten nur die
graue Seite hinter Mauer und Stacheldraht. Und es war
im Traum nicht daran zu denken, jemals einen Blick darüber
zu werfen. Nun das. Meine Oma verbringt die sechs schönsten
Wochen ihres Lebens, wie sie mir später berichten
wird, in den U.S.A.
Als
leidenschaftlicher Musikliebhaber besaß ich einen
Kassettenrecorder R 4100 Made in G.D.R mit
integriertem Mikrofon. Das Bandmaterial kam entweder
aus Wolfen/Sachsen, oder, wenn die eigenen Kapazitäten
nicht
ausreichten, aus dem Bruderland, der ruhmreichen Sowjetunion.
Die Bänder quietschten und waren für puren
Musikgenuss einfach nicht zu gebrauchen. Man erinnere
sich nur an den Fakt, dass eine Kassette mit einer Laufzeit
von 60 Minuten damals EVP 20 Mark! kostete. Wie dem
auch sei. Ich musste die Erinnerungen meiner Großmutter
konservieren. Sie hatte so viele Unglaublichkeiten mit
eigenen Augen gesehen, die danach schrieen, irgendwie
für die Nachwelt festgehalten zu werden. Mein Taschengeld
war knapp bemessen. Doch ich opferte eine meiner russischen
Kassetten, die plötzlich gar nicht mehr quietschte.
Meine Großmutter und ich gingen in Klausur, der
R 4100 stand vor uns auf dem Tisch, und
ich führte mein erstes Interview, das die Bezeichnung
Zeitzeugen-Tondokument verdient. Oma erzählte über
ihre Kindheit in Ungarn, über die Schulzeit und
die Mühen der Feldarbeit. Sie berichtete über
ihre Hochzeit nach alter donauschwäbischer Tradition
in ihrem Heimatdorf Markó, über die Wirren
zweier Weltkriege, über die Geburt ihrer elf Kinder,
über die Vertreibung, die schwere Nachkriegszeit
und ihren einzigen Besuch in der alten Heimat nach Jahrzehnten.
Auf der B-Seite der Originalkassette gelingt es ihr
dann, mir ein Hörbild von Amerika zu malen, welches
sich unzerstörbar in mein Hirn einbrennen sollte.
Keiner Reportage, keinem Roman, keinem Hollywood-Streifen
ist es bislang gelungen, an dieses Gemälde heranzukommen.
Jetzt habe ich einen Teil der Vereinigten Staaten bereist
und mit eigenen Augen gesehen. Mein Bild von Amerika
jedoch ist ein anderes. Es ist das farbenprächtige
Fresko meiner unvergessenen Oma. Für immer eingraviert
in den Windungen meines Bewusstseins.
Uns
so entstand viele Jahre später, nachdem ich lange
als Journalist für Zeitungen, Funk und teilweise
auch Fernsehen hunderte Interviews geführt hatte,
die erste Zeitzeugen-CD für Verwandte. Viele Freunde
und Bekannte riefen an und bedankten sich für diesen
Erinnerungsschatz. Die Stimme der Mutter, Großmutter
und Urgroßmutter ist konserviert, ihre Lebenserinnerungen
sind festgehalten. Was sie gesehen, gefühlt und
durchlitten hat, können spätere Generationen
hören. Mit der Freude und Wärme, die sie in
ihren Berichten ausstrahlt, wird sie zukünftig
ihre
Ur- Ur- Ur-Enkel und deren Kinder in ihre mütterlichen
Arme schließen.
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